Was die Biologin vom Nationalen Forschungs- und Innovationszentrum Indonesiens (BRIN) schließlich in den Händen hielt, war ein Wunderwerk der kleinteiligen Architektur. Es handelt sich um eine neue Art der Gattung Chamalycaeus, eine Landschnecke, die mit einem feinen Deckel, dem Operculum, bewehrt ist. Dieser schließt die Mündung des Gehäuses so dicht ab, dass das Tier selbst in Zeiten größter Trockenheit in seinem Inneren überleben kann. Damit die Schnecke dennoch atmen kann, hat die Natur ein winziges Rohr geformt, das wie ein Periskop aus dem Gehäuse ragt und den Gasaustausch ermöglicht.

Die Forscherin nannte die neue Art Chamalycaeus dayangmerindu. Der Name ist eine Verbeugung vor der lokalen Sage der Putri Dayang Merindu, einer Prinzessin, deren Geist in den nahegelegenen Höhlen von Gua Putri wohnen soll. Es ist eine Verbindung zwischen der harten Empirie der Wissenschaft und der poetischen Erinnerung der Menschen, die seit Generationen in diesem Karstgebiet leben.

Für Nurinsiyah und ihr Team ist die Entdeckung mehr als nur ein neuer Eintrag in den Katalogen der Zoologie. Karstgebiete wirken wie ökologische Inseln auf dem Festland. Da Schnecken auf kalkhaltigen Boden angewiesen sind, um ihre Gehäuse aufzubauen, können sie die sauren Waldböden dazwischen nicht überqueren. So entwickeln sich auf jedem Hügel oft Arten, die nirgendwo sonst auf der Erde vorkommen. Jede Zerstörung dieser Felsen durch den Kalksteinabbau bedeutet das unwiederbringliche Ende einer ganzen Welt.

Die Arbeit an der Beschreibung dauerte Jahre. Von der ersten Feldexpedition im Jahr 2021 bis zum Vergleich der mikroskopisch kleinen Merkmale mit Museumsexemplaren war es ein Weg der beharrlichen Genauigkeit. Dass eine so kleine Kreatur die Aufmerksamkeit einer großen Institution erhält, zeugt von der Erkenntnis, dass auch das Unscheinbare ein unverzichtbarer Teil des großen Gefüges ist. Nurinsiyah hat einer namenlosen Existenz eine Identität gegeben und sie so vor dem Vergessen bewahrt.