Lucio arbeitete so zuverlässig, dass der Inhaber ihn behalten wollte, auch nachdem die Badegäste abgereist waren. Der Vertrag läuft nun in den Winter hinein. Das bedeutet regelmäßigen Lohn und einen Ort, an dem man ihn kennt, als den Mann, der seine Arbeit gut macht.
Möglich gemacht hat das der Verein Seconda Chance, auf Deutsch „zweite Chance“. Gegründet hat ihn Flavia Filippi, Journalistin beim Nachrichtensender TgLa7, im Jahr 2022. Der Verein vermittelt Häftlinge und ehemalige Häftlinge an Arbeitgeber, die bereit sind, sie einzustellen. In der Toskana koordiniert der frühere ANSA-Journalist Stefano Fabbri die Arbeit. Zwei Menschen, die beruflich jahrelang über andere berichtet haben, bringen heute Leute in Arbeit, über die sonst meist nur berichtet wird.
Die rechtliche Grundlage liefert das italienische Strafvollzugsgesetz von 1975. Nach dessen Artikel 21 dürfen Gefangene außerhalb der Anstalt arbeiten. Die Gefängnisleitung genehmigt jede Stelle, ein Aufsichtsrichter muss sie bestätigen. Arbeitgeber erhalten nach dem sogenannten Smuraglia-Gesetz aus dem Jahr 2000 eine Steuergutschrift von bis zu 520 Euro im Monat.
Lucios Geschichte ist eine von vielen. Allein in der Toskana vermittelte der Verein im vergangenen Jahr zwischen 16 und 23 Stellen. Im Gefängnis von Porto Azzurro selbst entstand ein Callcenter, in dem ausgewählte Insassen geschult und für den Kundendienst eingestellt wurden. Andere lernten, Pietra serena zu bearbeiten, den graublauen Sandstein aus den Hügeln um Florenz, aus dem Brunelleschi die Säulen von San Lorenzo schlagen ließ. Wieder andere fanden Arbeit im Handel, auf dem Bau, in der Logistik. Einer unterrichtet Gitarre.
Die Zahlen sind klar. Wer seine Strafe ohne Arbeit und ohne Alternativen absitzt, wird in Italien nach gängigen Schätzungen in etwa zwei von drei Fällen wieder straffällig. Wer im Vollzug regelmäßig arbeitet, bei Seconda Chance nur in rund 2 Prozent der Fälle. Doch die meisten Gefangenen arbeiten gar nicht, und wer arbeitet, putzt meist Gänge oder steht in der Anstaltsküche. Die Gefängnisse sind überfüllt, mit mehr als 60.000 Menschen auf rund 51.000 Plätzen.
Vor diesem Hintergrund sind siebzig oder achtzig Stellen in einer Region wenig. Für Lucio aber bedeuten sie einen Winter mit Arbeit, einen Arbeitgeber, der ihm vertraut, und einen Beruf, den er beherrscht, wenn er eines Tages nicht mehr zurück muss.