Es ist ein Wissen, das in den Dörfern San Martín de las Pirámides und San Juan Teotihuacán nicht in Büchern, sondern in der Bewegung der Gelenke überdauert hat. Während die großen Pyramiden als schweigende Zeugen einer untergegangenen Welt aufragen, bleibt die Seele der Stadt in den kleinen Werkstätten lebendig. Hier wird noch immer der seltene grüne Obsidian verarbeitet, der aus der Sierra de las Navajas stammt – jenem Steinbruch im heutigen Bundesstaat Hidalgo, der schon die Steinmetze der klassischen Epoche vor fast zwei Jahrtausenden versorgte.

Der Handwerker demonstriert Techniken, die ohne elektrisches Gerät auskommen. Es ist ein langsamer, fast meditativer Prozess des Schleifens und Polierens. Das Vulkanglas, das unter seinen Händen Gestalt annimmt, war einst wertvoller als Gold; es war das Material der Priester und Krieger, Werkzeug und Heiligtum zugleich.

Bevor die Besucher diesen Mann und seine Arbeit erreichen, führt der Weg durch die stillen Korridore des Palastes von Tepantitla. Dort, in den Resten privater Wohnhäuser, finden sich die berühmten Fresken, die als „Paradies des Tlaloc“ bekannt wurden. Dass diese Farbenpracht erhalten blieb, ist einem glücklichen Zufall zu verdanken: Im Jahr 1942 entdeckte ein lokaler Bauer die Mauern unter seinem Ackerland, als er eigentlich nur ein Loch graben wollte, um eine Agave zu pflanzen.

Unter der fachkundigen Leitung des Instituto Nacional de Antropología e Historia wird deutlich, dass die Geschichte Mexikos kein abgeschlossenes Kapitel ist. Wenn der Handwerker heute seine Werkzeuge beiseitelegt und das fertige Stück dem Betrachter reicht, schließt sich ein Kreis. Es ist nicht die monumentale Architektur allein, die die Vergangenheit bewahrt, sondern die Beständigkeit des menschlichen Tuns, das sich weigert, in Vergessenheit zu geraten.