Jahrzehntelang glich die schulische Inklusion in Italien einer Lotterie der Geografie. Während wohlhabende Gemeinden im Norden ihren Schülern umfassende Hilfe zur Seite stellten, blieben Kinder in strukturschwachen Regionen oft auf das Wohlwollen leerer Kassen angewiesen. Mit den Artikeln 706 bis 710 des Haushaltsgesetzes 2026 hebt der italienische Staat diese Willkür auf. Er etabliert das sogenannte Livello Essenziale delle Prestazioni (LEP) – einen Kernbestand an Leistungen, der jedem zertifizierten Schüler zusteht, unabhängig davon, wo seine Schule steht.

Im Zentrum dieser Reform steht der Asacom, der Spezialist für Autonomie und Kommunikation. Anders als die pädagogischen Förderlehrer des Staates, kümmern sich diese Fachkräfte um die ganz unmittelbare Teilhabe: Sie übersetzen in Gebärdensprache, führen Blinde durch den Schulalltag oder unterstützen bei körperlichen Einschränkungen. Bisher waren sie oft Angestellte sozialer Kooperativen mit prekären Stundenverträgen, deren Einsatz endete, sobald das Budget der Kommune erschöpft war. Nun sichert das Gesetz nicht nur die Stunden für die Kinder, sondern schafft auch ein nationales Berufsprofil für diese stillen Begleiter im Klassenzimmer.

Diese Neuerung ist die konsequente Fortführung eines Weges, den Italien bereits im Jahr 1975 einschlug. Damals legte das Falcucci-Dokument den Grundstein für die Abschaffung von Sonderschulen; man entschied sich für das Wagnis der gemeinsamen Erziehung. Doch die Verwaltung dieses Ideals blieb fragmentiert. Das neue Gesetz verknüpft nun die Bedürfnisse der Kinder über ein zentrales Register direkt mit dem Informationssystem des Bildungsministeriums.

In den kommenden Monaten wird zudem das Progetto di Vita, ein individueller Lebensplan für jeden Schüler, zur Pflicht. Es ist der Versuch, den Menschen nicht mehr als bloßen Empfänger einer sozialen Leistung zu sehen, sondern als Individuum, dessen Weg von der Schule bis in die Gemeinde hinein koordiniert wird. Wenn ab Januar 2027 die Reform vollständig greift, wird die Inklusion in Italien ihren Charakter verändern: Weg von einer Geste der Barmherzigkeit, hin zu einer staatlichen Pflichtaufgabe, die keine Ausnahmen mehr kennt.