Was das marokkanisch-französische Forscherteam aus der Tiefe des Steinbruchs holte, ist weit mehr als eine bloße Ansammlung versteinerter Reste. Es sind Fragmente von Leben: Wirbel, Zähne und der fast vollständig erhaltene Unterkiefer eines Erwachsenen. Ein einzelner Oberschenkelknochen erzählt eine besonders greifbare Geschichte; er weist die deutlichen Bissspuren einer Hyäne auf. Es ist ein Zeugnis jener fernen Epoche, in der die Höhlen dieser Küste nicht nur den frühen Menschen, sondern auch gefährlichen Raubtieren als Zuflucht dienten.
Die Datierung mittels paläomagnetischer Analysen ordnet die Funde einem Alter von etwa 773.000 Jahren zu. Damit sind sie die ältesten verlässlich datierten menschlichen Überreste in Marokko. Für den Paläoanthropologen Jean-Jacques Hublin vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie stellen diese Fossilien eine entscheidende Verbindung dar. Sie tragen Merkmale in sich, die sowohl auf urtümliche Vorfahren hindeuten als auch bereits die Züge jener Linien vorwegnehmen, aus denen später der moderne Mensch, der Neandertaler und der Denisova-Mensch hervorgingen.
Die Arbeit in den verlassenen Gruben von Sidi Abderrahmane erfordert Geduld und eine ruhige Hand. Da die Knochen fest in die sogenannte Brekzie – ein steinhartes Gemisch aus Sedimenten – eingebacken sind, müssen die Präparatoren sie mit zahnärztlichem Besteck vorsichtig herausschälen. Diese Mühsal dient einem größeren Bild: Die Entdeckung stützt die These, dass der afrikanische Kontinent, und insbesondere die Region des heutigen Marokko, das entscheidende Laboratorium für die Entstehung unserer Gattung war.
Wo früher lediglich Steinwerkzeuge wie Faustkeile und Schaber auf die Anwesenheit früher Jäger hindeuteten, stehen nun die Menschen selbst im Mittelpunkt. Sie waren keine isolierten Erscheinungen, sondern Teil einer weitverzweigten Entwicklung, die sich über das gesamte Pleistozän erstreckte. In der Stille des Labors in Rabat, fernab vom Lärm der Steinbrüche, fügen Mohib und seine Kollegen nun die Splitter eines Puzzles zusammen, das uns zeigt, wie nah uns diese frühen Vorfahren in ihrem Kampf um das Überleben bereits waren.