In den dichten Sekundärwäldern des Riau-Archipels klettert die Phanera semibifida an den mächtigen Stämmen der Urwaldbäume empor. Die Bewohner der Inseln nennen sie Kangkang Katup und bereiten aus ihren Stängeln das „obat pahit“ zu – eine bittere Medizin, der sie seit Generationen Heilkraft und ein langes Leben zuschreiben. Es ist ein Wissen, das die Zeit des alten Sultanats von Riau-Lingga überdauert hat und nun in den Laboren von Bogor auf seine sachliche Wahrheit geprüft wurde.
Gemeinsam mit Meyla Suhendra, Prof. Huda Darusman, Dr. Siti Sa'diah und Prof. Fitmawati untersuchte Juliandi die Extrakte der Pflanze. Sie fanden eine hohe Konzentration an Polyphenolen, die eine entscheidende Aufgabe im menschlichen Stoffwechsel übernehmen: Die Wirkstoffe hemmen das Enzym Alpha-Glucosidase. Damit verzögern sie den Abbau von Kohlenhydraten und verhindern jene gefährlichen Blutzuckerspitzen, die für Millionen von Menschen den Alltag mit der Krankheit Diabetes so beschwerlich machen.
Die Bedeutung dieser Arbeit reicht über die bloße Katalogisierung hinaus. Indonesien zählt heute weltweit zu den fünf Ländern mit der höchsten Zahl an Diabetes-Patienten. Während synthetische Medikamente oft teuer oder schwer zugänglich sind, wächst das Heilmittel in den Wäldern der eigenen Heimat. Die Forscher konnten in ihren Versuchsreihen nachweisen, dass der Extrakt nicht nur wirksam, sondern in den getesteten Dosierungen auch sicher ist.
Es ist ein stiller Triumph der Beständigkeit. Die Pflanze, die bereits im 19. Jahrhundert von Botanikern wie George Bentham beschrieben wurde, tritt nun aus dem Schatten der ethnobotanischen Überlieferung in das Licht der modernen Pharmakologie. Das Ziel von Juliandi und seinem Team ist die Entwicklung eines standardisierten pflanzlichen Arzneimittels, das die Lücke zwischen dem dörflichen Wissen und der klinischen Versorgung schließt.
Wenn die Blätter der Phanera semibifida sich in der Dämmerung schließen, ist dies ein mechanischer Schutz des Organismus. Doch in ihren Zellen trägt sie, nun wissenschaftlich verbrieft, einen Schutz für den Menschen in sich.