Plieninger, Professor an den Universitäten Göttingen und Kassel, und die Postdoktorandin Marion Jay haben in einer neuen Studie dargelegt, dass der Naturschutz in der Europäischen Union oft an der sozialen Realität der Menschen vorbeigeht. Das Netzwerk Natura 2000 schützt zwar fast ein Fünftel der europäischen Landfläche, doch viele der dort gelisteten Arten sind auf jene Kulturlandschaften angewiesen, die erst durch jahrhundertelange Arbeit entstanden sind. Wenn Hirten ihre Herden nicht mehr über die Berge treiben oder Wiesen nicht mehr zum richtigen Zeitpunkt gemäht werden, verlieren seltene Arten wie der Wachtelkönig oder der Ameisenbläuling ihre Heimat.
Die Untersuchung, die auf Feldstudien in Deutschland, Rumänien und Spanien basiert, identifiziert fünf zentrale Handlungsfelder für eine Reform. Es geht um eine stärkere Rolle der lokalen Bevölkerung, eine bessere Vernetzung der Schutzgebiete und eine Finanzierung, die nicht nur den Stillstand, sondern die aktive, traditionelle Pflege der Landschaft entlohnt. Derzeit, so die Forscher, herrsche ein zu starker Fokus auf rein naturwissenschaftliche Daten vor, während das ökologische Wissen der Menschen vor Ort ignoriert werde.
Die Forscher schlagen vor, Managementpläne künftig in enger Abstimmung mit den Gemeinschaften vor Ort zu entwickeln. Dabei soll das sogenannte biokulturelle Erbe – die Bräuche, Werkzeuge und Techniken der Landbewirtschafter – fest in die Monitoring-Rahmen aufgenommen werden. Es ist ein Plädoyer für eine Versöhnung von Mensch und Natur: Wenn die Bewohner einer Region sich selbst als Teil der Landschaft begreifen, wächst auch die Bereitschaft, Verantwortung für deren Erhalt zu übernehmen.
Wenn Menschen sich als Teil der Landschaft sehen und Verantwortung übernehmen, stärkt dies den Naturschutz langfristig.
Dieser Ansatz fordert die bisherige Praxis heraus, die Schutzgebiete oft als isolierte Räume ohne menschliches Zutun betrachtet. In einer Zeit, in der die EU anstrebt, bis zum Ende des Jahrzehnts 30 % ihrer Land- und Meeresflächen unter Schutz zu stellen, könnte die Anerkennung des lokalen Wissens der entscheidende Faktor sein, um aus abstrakten Verordnungen eine lebendige Praxis zu machen.