Lange Zeit betrachtete die Medizin das Glioblastom, den bösartigsten aller Hirntumore, als eine amorphe Masse, die lediglich durch blinde Teilung den Raum zwischen den Nerven besetzt. Varun Venkataramani jedoch blickte tiefer. Er entdeckte, dass diese Zellen nicht isoliert agieren, sondern sich wie Eindringlinge an ein bestehendes Stromnetz anschließen. Die Tumorzellen bilden winzige, haarfeine Fortsätze aus — sogenannte Mikroröhren —, mit denen sie buchstäblich Kontakt zu gesunden Neuronen aufnehmen.
Es ist eine fast schon unheimliche Mimikry: Der Tumor bildet echte Synapsen aus, jene Schnittstellen, über die unser Denken und Fühlen als elektrischer Impuls wandert. Doch anstatt Informationen zu verarbeiten, saugt das Glioblastom die Energie dieser Signale auf. Jedes Mal, wenn das Gehirn arbeitet, wenn ein Gedanke entsteht oder ein Befehl an einen Muskel gesendet wird, befeuert dieser bioelektrische Strom das zerstörerische Wachstum des Geschwürs.
Diese Erkenntnis rüttelt an den Grundfesten der Onkologie. Wenn der Tumor ein Teil des neuronalen Netzwerks wird, muss man ihn nicht nur als Gewebe, sondern als elektrisches Phänomen bekämpfen. In Zusammenarbeit mit dem Mediziner Frank Winkler untersuchte Venkataramani die biochemischen Brücken, die sogenannten AMPA-Rezeptoren, über welche die Zellen den Botenstoff Glutamat empfangen.
In der klinischen Praxis eröffnet dies einen unerwarteten Pfad. Erste Versuche zeigen, dass Medikamente, die eigentlich zur Behandlung von Epilepsie entwickelt wurden, diese Kommunikation unterbrechen können. Indem man den Tumor chemisch von der Stromzufuhr des Gehirns trennt, verliert er seine zerstörerische Vitalität. Es ist kein plötzlicher Sieg über das Unheil, aber es ist der Moment, in dem der Mensch beginnt, die Sprache seines Gegners zu verstehen, um ihn schließlich zum Schweigen zu bringen.