Oujda, die tausendjährige Stadt im Nordosten Marokkos, ist seit Jahrzehnten ein Ort des Übergangs. Nur fünfzehn Kilometer trennen sie von der algerischen Grenze, die am Übergang Zouj Beghal offiziell seit 1994 geschlossen ist. Doch für jene, die aus Guinea, Mali oder dem Senegal kommen, bleibt dieser Ort ein Nadelöhr. Viele von ihnen finden Zuflucht in den Wäldern nahe der Universität Mohammed I., wo sie in provisorischen Zelten schlafen und den winterlichen Temperaturen von bis zu 4 °C trotzen müssen.

Ende März öffnete eine Gruppe marokkanischer Mediziner ihre Türen für diese Menschen. Ohne nach Papieren oder Herkunft zu fragen, untersuchten sie 239 Männer, 89 Frauen und 85 Kinder. Es ist eine Arbeit der leisen Töne: Das Abhören einer Lunge, die vom Staub der Sahara und der Kälte der Nächte gezeichnet ist, das Reinigen von Wunden, die auf den Pfaden durch das Atlasgebirge entstanden sind, oder die Behandlung von Hautkrankheiten, die durch mangelnde sanitäre Anlagen in den Lagern unweigerlich entstehen.

Die Initiative wird von der marokkanischen Zivilgesellschaft getragen und schließt eine Lücke, die das staatliche System oft offenlässt. Während eine nationale Strategie seit 2013 versucht, regulierte Migranten zu integrieren, bleiben jene im Transit auf die Solidarität der lokalen Bevölkerung angewiesen. In Oujda zeigt sich diese Solidarität nicht in großen Reden, sondern im ruhigen Handgriff eines Arztes, der eine Salbe aufträgt, oder in der Geduld einer Krankenschwester, die einem Kind die Angst vor der Untersuchung nimmt.

In diesen Begegnungen zwischen den Freiwilligen und den Ankömmlingen aus dem Süden verliert die Grenze ihre Härte. Für die Dauer einer Konsultation zählt nicht der Status eines Menschen, sondern allein seine physische Versehrtheit. Es ist die Anerkennung der gemeinsamen menschlichen Verletzlichkeit an einem Ort, der sonst durch Zäune und bürokratische Hürden definiert wird.