Die 72-jährige Kunsthandwerkerin gehört zu einer schwindenden Zahl von Meistern, welche die Sprache des Brokats noch fließend beherrschen. In der Gemeinschaft der Bahnar ist das Weben kein bloßer Zeitvertreib, sondern eine Form der Geschichtsschreibung. Wenn Y Yin den hölzernen Stab durch die Kettfäden führt, zählt sie die Fäden im Geist ab – eine mathematische Höchstleistung, die ohne Skizzen oder Diagramme auskommt. Jedes Muster, das unter ihren Händen entsteht, erzählt von Reiskörnern, von den Tieren des Waldes oder von uralten Legenden, die sie den jungen Frauen des Dorfes während der Arbeit zuraunt.
Die Farben für diese Arbeiten gewinnt sie geduldig aus der Natur des zentralen Hochlands. Das tiefe Schwarz entsteht durch das Einlegen der Fäden in eine Mischung aus Waldblättern und Schlamm, während das warme Rot aus zerstoßenen Wurzeln und Rinden extrahiert wird. Es ist ein langsamer Prozess, der sich dem Takt der modernen Textilindustrie entzieht.
Die 43-jährige Y Tui ist eine jener Frauen, die das Wissen der Älteren weitertragen. Sie versteht, dass diese Stoffe mehr sind als Kleidung; sie sind die Voraussetzung für die Teilnahme am gesellschaftlichen Leben. Nur wer in traditioneller Tracht erscheint, darf das Rong betreten – jenes monumentale Gemeinschaftshaus mit seinem steilen Dach, das das Zentrum eines jeden Bahnar-Dorfes bildet. Hier finden die Riten statt, die den Rhythmus von Ernte und Leben bestimmen.
In einer Zeit, in der die Jugend zunehmend in die Städte drängt, ist der Entschluss von Frauen wie Y Yin, die Webrahmen nicht wegzuräumen, ein stiller Akt der Selbstbehauptung. Sie webt nicht nur Fäden zusammen, sondern die Generationen. Das Knacken der hölzernen Stäbe, wenn der Schussfaden festgeschlagen wird, ist der Herzschlag einer Kultur, die sich weigert, im Schatten der Moderne zu verblassen.