L'Orient Today nennt ihn einen inoffiziellen Hüter des historischen Gedächtnisses, eine Rolle, die sonst öffentlichen Institutionen zufällt. In einem Land, in dem viel Papier verschwunden ist, bleibt diese Arbeit an einem Einzelnen hängen. Tarazi, 1980 in Beirut geboren und 2004 Absolvent der Amerikanischen Universität im Fach Grafikdesign, hat sein Atelier ausgerechnet dort, wo die Geschichte am dichtesten sitzt: Karantina war im Januar 1976 Schauplatz eines Massakers zu Beginn des Bürgerkriegs und gehörte zu den Vierteln, die die Hafenexplosion vom 4. August 2020 am schwersten traf.
Sein Material sammelt er in den Läden und Kellern ringsum. Für «Memory of a Paper City», 2022 bei Umam Documentation and Research in Haret Hreik gezeigt, wertete er mehr als hundert libanesische Publikationen aus den 1930er- bis späten 1980er-Jahren aus und sortierte sie nach zwei Motiven, die in ihren Seiten immer wiederkehrten: Frauen als Figuren der Freiheit und der Sexualität — und Bilder des bewaffneten Kampfes.
Zwischen den ausgeschnittenen Gesichtern erscheint Asmahan, geboren 1912 als Amal al-Atrash in eine drusische Familie aus dem südsyrischen Dschabal ad-Duruz, Schwester des Komponisten Farid al-Atrash. Acht Jahre lang sang und spielte sie in Kairo. Am 14. Juli 1944 geriet der Wagen, in dem sie saß, nahe Mansura in einen Bewässerungskanal. Sie und ihre Begleiterin ertranken; der Fahrer kam heraus.
Tarazi verweigert den Geschichtsunterricht. Er doziert nicht, er zeigt — und gibt dabei doch die Erzählungen weiter, auf denen alles ruht. Seine Arbeit tastet eine unvollendete arabische Moderne ab und fördert dabei kleine Schätze und vergrabene Geheimnisse zutage, die sonst verschwunden wären.
Die Institutionen, die ihn tragen, sind selbst gezeichnet. Umam wurde 2004 vom Verleger und Aktivisten Lokman Slim und der deutschen Filmemacherin Monika Borgmann gegründet. Slim wurde am 4. Februar 2021 in seinem Auto im Südlibanon erschossen. Zwei Jahre später erhielt Tarazi den Preis, der seinen Namen trägt.