Doch vor dem Gebäude an der angegebenen Adresse war kaum jemand zu sehen. Nichts deutete darauf hin, dass hier gleich Prüflinge durch die Tür gehen würden. Sautner hätte die Fahrt an diesem Punkt als erledigt markieren können, denn die Adresse stimmte mit der Buchung überein.

Er tat es nicht. Er suchte nach dem tatsächlichen Prüfungsort und stellte fest, dass die Frau an eine völlig falsche Adresse geschickt worden war. Sofort wendete er und fuhr zum richtigen Ort. Er wollte, dass sie dort ankam, bevor die Prüfung begann.

Allein hätte sie den Fehler kaum rechtzeitig bemerkt. Bei einem Concurso, so heißt in Brasilien die öffentliche Auswahlprüfung für Stellen im Staatsdienst und an staatlichen Universitäten, schließen die Tore meist zu einer festen Uhrzeit. Wer danach kommt, ist ausgeschlossen. Sie hätte monatelang lernen können, und die ganze Vorbereitung wäre umsonst gewesen, nur weil eine Adresse nicht stimmte.

Sehbehinderung ist in Brasilien die häufigste Einschränkung, die die Volkszählung erfasst hat. Für Prüfungen im Bundesdienst können Menschen mit Behinderung Unterstützung beantragen, etwa Prüfungshefte in Brailleschrift, zusätzliche Zeit oder einen Ledor, der die Fragen vorliest und die Antworten aufschreibt. Doch keine dieser Hilfen nützt etwas, wenn jemand gar nicht erst am richtigen Ort ankommt.

Sautner erzählte später selbst von dieser Fahrt. Seine Geschichte steht heute in dem Buch „100 Histórias Inusitadas de Motoristas Uber“, das Marlon Luz zusammengestellt hat. Luz hatte Fahrerinnen und Fahrer über seinen Telegram-Kanal gebeten, ihm Erlebnisse aus ihrem Alltag zu schicken, und daraus eine Auswahl getroffen.

Sautner hatte an diesem Tag nur eine Fahrt übernommen. Die Frau musste allein durch eine Stadt, die sie nicht sehen konnte, und er hat genau darauf geachtet, wohin er sie brachte.