Die Lehrer dieser Schule in den bolivianischen Anden warteten nicht darauf, dass Lehrmaterialien aus den fernen Zentren in La Paz zu ihnen geschickt wurden. Sie begannen selbst damit, ihre Räume zu verwandeln. Mit Tablets, taktilen Karten und 3D-Modellen schufen sie eine Umgebung, in der Schüler mit Sehbehinderungen oder motorischen Einschränkungen nicht mehr nur am Rand sitzen, sondern den Raum und den Stoff buchstäblich begreifen können.

Esther Kuisch Laroche, Direktorin des UNESCO-Regionalbüros in Santiago, wählte das Projekt aus 249 Bewerbungen aus. Das Colegio Bernardo Navajas Trigo 2 ist damit eine von nur sechs Schulen in ganz Lateinamerika, die als Vorbild für innovative Inklusion ausgezeichnet wurden. Doch hinter der institutionellen Anerkennung steht die tägliche Arbeit der Pädagogen, die auch die Familien in Bildungsmessen einbeziehen und zeigen, dass eine Behinderung nicht das Ende der Teilhabe bedeutet.

Obwohl das bolivianische Gesetz seit 2010 die Integration von Schülern mit Behinderungen vorschreibt, scheitert die Umsetzung oft an der Geografie und dem Mangel an Material. In Tarija wird dieser Mangel durch Erfindergeist ersetzt. Die Lehrer nutzen dezentrale digitale Fertigung, um genau jene Hilfsmittel herzustellen, die früher nur über das nationale Blindeninstitut in standardisierter Form erhältlich waren. Jedes gedruckte Modell, jede angepasste Tablet-Anwendung ist eine Entscheidung für die Würde des einzelnen Kindes.

Durch die Aufnahme in das UNESCO-Mentorenprogramm wird die Erfahrung aus Tarija nun geteilt. Die Lehrer werden ihre Methoden im regionalen Forum für inklusive Bildung vorstellen und so anderen Schulen in Ländern wie Kolumbien, Argentinien und Peru zeigen, wie man mit einfachen Mitteln und tiefer menschlicher Zuwendung Barrieren niederreißt.