Jyoti ist an beiden Beinen gelähmt. Nach der achten Klasse blieb sie zu Hause, nicht weil ihr der Unterricht schwerfiel, sondern weil der tägliche Weg zur Schule nicht zu schaffen war. Die zweite Hürde war unsichtbar und in Indien mindestens ebenso wirksam: Ohne Behindertenausweis gibt es keinen Zugang zu Rente, vergünstigten Hilfsmitteln, freier Busfahrt oder reservierten Plätzen in Ausbildung und Staatsdienst. Das Papier ist die Tür zu allem anderen.

Beide Hürden fielen an diesem Vormittag. Singh übergab ihr das batteriebetriebene Dreirad, stellte den Ausweis an Ort und Stelle aus und wies die örtlichen Beamten an, Jyotis Wiedereinschulung zu veranlassen. Als Distriktverwalter führt er zugleich den Vorsitz in den Ausschüssen, die über die Verteilung solcher Leistungen wachen — deshalb konnte geschehen, was sonst den Umlauf durch Antragslager und Wartelisten bedeutet hätte.

Jyoti sagt, sie wolle Lehrerin werden, wenn sie ihre Ausbildung abgeschlossen hat.

Es war nicht der erste Besuch dieser Art. Zuvor hatte Singh einem anderen Mädchen, Ragini, ein ähnliches Fahrzeug gebracht. Zwei Hausbesuche sind keine Politik, aber sie zeigen, wie schmal der Abstand zwischen einem existierenden Anspruch und seiner Einlösung sein kann — nämlich genau so schmal wie die Strecke von der Kreisstadt bis vor eine Haustür.

Ballia liegt am östlichsten Rand von Uttar Pradesh, dort wo Ganga und Ghaghara zusammenfließen, etwa 140 Kilometer östlich von Varanasi. Der Distrikt trägt seit dem August 1942 den Beinamen Baghi Ballia, das rebellische Ballia: Damals vertrieben die Bewohner die britische Verwaltung und regierten sich für einige Tage selbst.

Von jenem Ruf ist im Alltag wenig geblieben. Was blieb, ist die Frage, wer für die Wege der Verwaltung aufkommt — und ob sie am Amtstisch enden oder in einem Dorf. Für Jyoti ist die Antwort inzwischen ein Fahrzeug, das sie selbst steuert.