Die Familie Lastochkin war vor dem Krieg aus der Ukraine geflohen und hatte sich in Bozen niedergelassen, der Hauptstadt Südtirols. Für Timoteo, der Autist ist, war der Neuanfang auch eine Frage der Sprache. Die üblichen Wege, Italienisch zu lernen, überforderten ihn. Sie verlangten ein Tempo, das er nicht mitgehen konnte.
Also baute Nikita Lastochkin etwas anderes. Er entwickelte eine App, die nicht vom Kind verlangt, sich dem Lernstoff anzupassen, sondern sich selbst nach dem Kind richtet: nach der Geschwindigkeit, mit der Timoteo Neues aufnimmt und verarbeitet. Das Lernen wurde dadurch weniger frustrierend. Zum ersten Mal fand der Junge einen Zugang.
In Bozen ist das mehr als eine Frage des Alltags. Südtirol hat drei Amtssprachen: Deutsch, Italienisch und Ladinisch. In der Provinz überwiegt das Deutsche, in der Stadt Bozen sprechen dagegen rund drei Viertel der Menschen Italienisch. Die Schulen sind nach Sprachen getrennt. Welches Schulsystem ein neu angekommenes Kind besucht, bestimmt seine Hauptunterrichtssprache, die jeweils andere Landessprache kommt als Pflichtfach hinzu. Wer hier ankommt, lernt oft zwei Sprachen zugleich.
Italien unterrichtet Kinder mit Behinderung seit Jahrzehnten in regulären Klassen, unterstützt von eigens zugewiesenen Förderlehrkräften. Doch keine Regel kann vorwegnehmen, was ein einzelnes Kind braucht, das aus dem Krieg kommt und in einer neuen Sprache seinen Platz sucht. Diese Lücke hat Lastochkin mit dem geschlossen, was er zur Hand hatte: Geduld und den festen Willen, es selbst zu versuchen.
Die Sendung O anche no auf Rai 3, moderiert von Paola Severini Melograni, erzählte die Geschichte der Familie. Auch TGR Bozen, der Regionalsender der Rai, berichtete darüber. In der Sendung hieß es, aus einer persönlichen Not sei ein Lernwerkzeug entstanden, das auch anderen neurodivergenten Kindern beim Ankommen helfen könne.
In derselben Stadt bereitet das psychopädagogische Zentrum Youmind, das Kinder mit Autismus, Lernstörungen und ADHS begleitet, einen multisensorischen Raum vor, in dem Schülerinnen und Schüler mit besonderem Förderbedarf zur Ruhe kommen können.
Was Nikita Lastochkin gebaut hat, begann jedoch nicht als Projekt. Er wollte seinem Sohn eine Sprache geben, in einem Tempo, das Timoteo selbst bestimmt.