Das Ritual heißt im oberägyptischen Brauch das Anbieten des Kafan, des Leichentuchs. Wer es überreicht, erklärt sich damit für schutzlos: Er unterwirft sich vollständig und erklärt sich bereit, den Tod anzunehmen, falls die gekränkte Familie ihn fordert. Erst aus dieser äußersten Verletzlichkeit heraus wird um Vergebung gebeten. Die Antwort liegt allein bei der anderen Seite, und sie fällt vor aller Augen.
Die Al-Genadi nahmen das Tuch an. Danach gelobten beide Familien vor der versammelten Menge, die Fehde dauerhaft zu beenden.
Zugegen war Generalleutnant Emad Barakat, der Sicherheitschef von Beni Suef, daneben Geistliche der Al-Azhar, der koptischen Kirche und des Ministeriums für religiöse Stiftungen. Sie hatten in den Wochen zuvor vermittelt. Als Zeugen standen sie dort, nicht als Richter: Ein Totschlagsverfahren führt in Ägypten die Staatsanwaltschaft, und keine Versöhnung zwischen Familien schließt eine solche Akte.
Samasta liegt am Westufer des Nils, im südlichsten Bezirk des Gouvernements, dort wo Beni Suef an Minya grenzt. Das Land ist Ackerland, und was die Fehden in dieser Gegend auslöst, sind meist Grenzsteine, Bewässerungsrechte, Erbschaften. Was danach folgt, hat immer dieselbe Form: Die schwächere Seite verlässt das Dorf. Häuser bleiben leer, Felder unbestellt, Kinder gehen anderswo zur Schule. Manchmal für Jahre.
Deshalb wird bei solchen Versöhnungen fast immer schriftlich festgehalten, wann die vertriebene Familie in ihr Haus und auf ihren Acker zurückkehren darf. Nicht die Zeremonie beendet eine Fehde, sondern dieser Satz im Vertrag.
Wer das Leichentuch reicht, gibt sein Leben aus der Hand. Wer es annimmt, gibt es zurück.
Die ägyptische Presse nennt in solchen Berichten keine Vornamen. Es bleibt bei Familien- und Dorfnamen, bei Al-Hassaili und Al-Genadi, bei Ezbet Nasr Gomaa und Al-Reegha. Was auf dem Platz von Samasta geschah, gehört den beiden Familien, und in gewissem Sinn allen, die zusahen.