Entwickelt wurde die Methode am IRCCS Ospedale San Raffaele, im gemeinsamen Labor MINE der Università Vita-Salute San Raffaele und der Scuola Superiore Sant'Anna in Pisa. Geleitet wird es von Pietro Mortini, dem Direktor der Neurochirurgie, und dem Bioingenieur Silvestro Micera. Ihr Verfahren heißt trunk-mediated control: Rumpfgesteuerte Kontrolle.
Das ist der eigentliche Unterschied zu allem, was zuvor kam. Frühere Systeme wurden über Knöpfe auf einem Tablet ausgelöst oder liefen in Gangprogrammen ab, die ein Techniker vorher eingestellt hatte. Der Patient war Passagier seiner eigenen Beine. In Mailand entscheidet er selbst, wann der nächste Schritt kommt – mit einer Geste, die aus seinem Körper stammt.
Vier Monate intensiver Rehabilitation lagen dazwischen. Die Teilnehmenden mussten lernen, ihre Rumpfbewegung mit dem Gerät zu koordinieren, bis daraus ein Gehen wurde, das Kurven aushielt, Steigungen, unebenen Boden im Freien. Die Ergebnisse erschienen am 7. September 2026 im Fachjournal Med von Cell Press, finanziert unter anderem von der Fondazione Cariplo, der Fondazione Bertarelli und dem italienischen NextGenerationEU-Programm.
Die Technik dahinter ist älter als ihre Anwendung. Epidurale Elektrostimulation wurde seit den 1970er-Jahren gegen chronische Rücken- und Beinschmerzen eingesetzt: ein paddelförmiges Elektrodenfeld im Epiduralraum, ein Impulsgeber unter der Bauchhaut. Erst später fiel Forschenden auf, dass Stimulation unterhalb der Läsion jene Schaltkreise wieder wecken kann, die das Schreiten erzeugen – ganz ohne Befehl aus dem Gehirn. Die Elektroden waren gebaut worden, um Schmerz zu blockieren; man musste sie chirurgisch drehen, damit sie Beine bewegten.
Von dort führt eine lange Linie: Rob Summers, ein früherer College-Baseballspieler, der in Louisville wieder stehen konnte. Die unabhängigen Ergebnisse aus Louisville, der Mayo Clinic und Lausanne im Jahr 2018. Die Lausanner Gruppe um Grégoire Courtine und Jocelyne Bloch, deren Patienten 2022 binnen eines Tages nach Einschalten des Implantats erste Schritte machten – einer von ihnen der Italiener Michel Roccati, verunglückt bei einem Motorradunfall. Und 2023 Gert-Jan Oskam, der sein Gehen wieder mit Gedanken steuerte.
Nicht ein wiederhergestellter Nerv setzt den Schritt in Gang, sondern eine bewusste Geste des Oberkörpers.
Für Menschen, deren Verletzung Ärzte einst als vollständig und irreversibel eingestuft hatten, beschreibt die Mailänder Arbeit einen konkreten, wiederholbaren Weg zurück ins Gehen. Vier Personen sind eine kleine Zahl. Aber es sind vier Menschen, die eine Kurve laufen können, wenn sie sich vornüberlehnen.