Das Beben kam in der Nacht, um elf Minuten nach elf. Sein Zentrum lag in Ighil, einer ländlichen Gemeinde etwa siebzig Kilometer südwestlich von Marrakesch, rund neunzehn Kilometer unter der Erde. Die Magnitude betrug 6,8 bis 6,9. Nach offiziellen Angaben starben 2.960 Menschen. Seit dem Beben von Agadir 1960 hatte in Marokko kein Erdstoß so viele Leben gefordert.
In den Dörfern des Hohen Atlas brachen Zehntausende Häuser zusammen. Viele waren aus Lehm und Stein gebaut, so wie man hier seit Jahrhunderten baut. Es wäre naheliegend gewesen, dieser Bauweise die Schuld zu geben und die Dörfer in Beton neu zu errichten. Naji hat einen anderen Weg gewählt.
Sie verlangt vom Lehm nicht, dass er sich dem Beton angleicht. Sie verlangt von ihm, dass er sicherer wird. Das alte Verfahren, der Pisé, bleibt erhalten, ergänzt um Verstärkungen, die den heutigen Normen gegen Erdbeben genügen. Seit dem Unglück hat sie so bereits mehrere Dörfer und eine Schule in der Region Marrakesch wieder aufgebaut.
Es geht nicht nur um den Wiederaufbau, sondern auch darum, ein soziales Gefüge und ein gemeinsames Wissen zu bewahren.
Naji hat in Paris Architektur studiert und in Anthropologie promoviert. 2004 gründete sie ihr Büro in Marokko, seit 2008 lebt sie in Tiznit. Im Auftrag des Innenministeriums restaurierte sie in Amtoudi zwei Igoudar, die befestigten Gemeinschaftsspeicher der Dörfer, und erneuerte den Ksar von Assa. Auf all diesen Baustellen tat sie dasselbe: Sie lehrte Maurer und Hilfsarbeiter aus der Gegend, wieder mit Erde und Stein zu bauen.
Das ist der Kern ihrer Arbeit. Ein Haus aus Stampflehm entsteht mit den Händen derer, die darin wohnen werden, und mit einem Wissen, das von einer Generation zur nächsten weitergegeben wird. Stirbt dieses Wissen, verschwindet mehr als eine Technik. Deshalb spricht Naji vom sozialen Gefüge, das sie schützen will, und nicht nur von Mauern.
In diesem September wurde sie in Paris mit dem Grand Prix der Design Awards des Institut du Monde Arabe ausgezeichnet. Der Preis galt ihrem Zentrum für Kulturerbe in Tiznit, errichtet innerhalb der Stadtmauern von 1810, ganz aus Stampflehm. Darüber spannt sich ein Tataoui, eine Decke aus geflochtenem Schilf und Zweigen.
Im Ourika-Tal gibt es keine Preise. Dort warten Familien darauf, wieder unter einem eigenen Dach zu schlafen. Naji baut es ihnen aus der Erde, auf der sie stehen.