Dieser Moment der Erkenntnis markierte den Beginn einer Aufgabe, die Tavares nun schon ein Vierteljahrhundert lang begleitet. Als Vizepräsidentin der Associação Cabo-Verdiana de Surdos (ACS) hat sie miterlebt, wie aus der Isolation eine Form der Zugehörigkeit wurde. Ab dem Jahr 2011 änderte sich der Alltag an der Escola Secundária Pedro Gomes grundlegend: Zum ersten Mal saßen Dolmetscher in den Klassenzimmern, die das gesprochene Wort der Lehrer in die fließenden Bewegungen der Gebärdensprache übersetzten. Es war der Moment, in dem junge Gehörlose begannen, das volle Spektrum einer akademischen Laufbahn zu durchlaufen.
Seit 2012 konzentriert sich die ACS fast ausschließlich auf die spezifischen Bedürfnisse der Gehörlosengemeinschaft. Es geht dabei um mehr als bloße Unterstützung; es geht um die Professionalisierung einer Sprache, die auf dem Archipel ihre ganz eigene Prägung erhalten hat. Die kapverdische Gebärdensprache nutzt spezifische Gesten für die Namen der einzelnen Inseln und für die lokalen Speisen – ein Zeugnis einer Kultur, die sich im Stillen ihren eigenen Ausdruck suchte.
Die Arbeit findet oft unter mühsamen Bedingungen statt. Tavares berichtet von den Technikern des Vereins, die mit eigenen Mitteln zwischen den verschiedenen Schulen in Praia hin- und herpendeln, um sicherzustellen, dass kein Schüler in der Stille verloren geht. Die Finanzierung bleibt ein steter Kampf gegen die Unsicherheit, da der Verein oft auf Projektzuschüsse angewiesen ist, um die Gehälter der Dolmetscher und die Ausbildungsprogramme zu sichern.
„Gehörlose Menschen haben Fähigkeiten, sie brauchen nur Gelegenheiten.“
Heute fordert Tavares eine stärkere Präsenz der Gebärdensprache im öffentlichen Raum, insbesondere im Fernsehen der Rádio Televisão Cabo-verdiana. Es geht ihr nicht um Wohltätigkeit, sondern um ein Recht. Wenn sie davon spricht, dass Gehörlose heute akademische Karrieren verfolgen, schwingt darin die Ruhe einer Frau mit, die weiß, dass die Würde eines Menschen an der Chance gemessen wird, verstanden zu werden.